Röhrig Universitätsverlag GmbH - Eichendorffstraße 37 - 66386 St. Ingbert

Röhrig Universitätsverlag
 
 
 
Rezension: Liesbet Dill - Virago

Als die Saarländer noch nicht reif waren für ein Hosenweib

Lohnende Regionalliteratur: Liesbet Dills "Virago"
Von SZ-Mitarbeiter Harald Loch
Liesbet Dill hat ihrem Buch "Virago" den Untertitel "Roman aus dem Saargebiet" gegeben. Seine Erstausgabe erschien 1913 bei der Deutschen Verlagsanstalt. Jetzt ist er in der "Sammlung Bücherturm" (Röhrig Verlag, St. Ingbert) neu aufgelegt worden.

Saarbrücken. "Virago" spielt im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Friederike Konz, die Tochter eines erfolgreichen Industriellen. Sie ist eine selbstbewusste junge Frau, die Medizin studieren will. Statt ihr das zu ermöglichen, schickt ihr Vater sie in ein Mädchenpensionat. Von dort reißt sie aus, kehrt nach Hause zurück und beginnt ein selbstbestimmtes Leben. Dazu meidet sie den Kontakt zu Männern - es sei denn, sie arbeitet mit ihnen zusammen.

"Virago" bedeutet so viel wie "Mannweib". Die Gesellschaft vor 1900 hatte nur abwertende Ausdrücke für eine Frau, die sich nicht um Küche, Kinder und Kleider, sondern um einen Beruf scherte. Friederike begegnet übermächtigen Widerständen, an denen sie schließlich scheitert. Liesbet Dill schildert Friederike zwar mit Empathie und weist den Lesern den Weg zu Gleichberechtigung und Unabhängigkeit, zaubert aber keine Emanzipationsheldin herbei, die stark und fehlerfrei ihren Weg geht. Die Autorin hatte ähnliche Voraussetzungen, passte sich aber besser an, fand mit dem angesehenen Mediziner Karl Wilhelm von Drigalski in zweiter Ehe einen verständnisvollen Partner und zog als junge Ehefrau nach Berlin. Hier war für sie das Leben einer Schriftstellerin möglich, anders als ihrer Heldin Friederike, die im Neunkircher Industriegebiet eine eigenverantwortliche Unternehmerin sein wollte. Eisen und Stahl waren Männersache, hier flogen die Funken und rauchten die Schornsteine - die Zeit war nicht reif für Friederike in einer Hosenrolle.

Liesbet Dill ist 1877 in Dudweiler geboren, sie hatte als Jugendliche die großen Streiks um 1890 erlebt, und sie verarbeitet die sozialen Konflikte und auch die politischen Diskussionen um die richtige Wirtschaftspolitik in diesem frühen Roman. "Virago" wird dadurch zu einem der seltenen literarischen Dokumente der regionalen Industriegeschichte zwischen Gründerzeit und Erstem Weltkrieg. Die Erfahrung der Grenze zu Frankreich, die Nähe des "Reichslandes" Elsass-Lothringen, die gesellschaftliche Vorherrschaft zahlreicher Militärs sind mehr als nur die Kulisse für die Emanzipations-Geschichte. Sie sind ein weiteres Feld für Kolportage wie für Spannung. Noch die rußigste Straße kann Heimat sein, und Friederike hat einen verqueren Hang zur Scholle: Sie stellt aus eigenen Mitteln ein großes Feld zur Verfügung und versucht, arme Frauen zur Gartenarbeit zu bewegen.

Die Autorin verbindet moderne Vorstellungen von einer neuen Rolle der Frau mit einer später weit ins Nationale hinüberspringenden Heimatliebe. Zu gegebener Zeit wird sie für Hitler und die Rückkehr des Saargebietes zum Deutschen Reich schreiben ("Wir von der Saar", 1934).

Liesbet Dills soziales Engagement hat einen patriarchalischen Zug, später entwickelt sie sich zur reinen Unterhaltungsschriftstellerin. Als sie 1962 in Wiesbaden stirbt, endet auch ihre literarische Wirkung. Aber in ihrem frühen Roman "Virago" erzählt sie noch eine kraftvolle Geschichte, hat Visionen, die sie vor einem sozialgeschichtlichen Hintergrund entwickelt, den wir mit Interesse wiederentdecken. Wegen der vielen regionalen Details, wegen der unentschiedenen Beziehung zwischen sozialem Fortschritt und Reaktion und wegen der entfernt an Theodor Fontane erinnernden Frauengestalten war es richtig, "Virago" dem Vergessen zu entreißen.

Liesbet Dill: Virago. Roman aus dem Saargebiet. Herausgegeben und mit Nachworten von Günter Scholdt und Hermann Gätje. Röhrig Universitätsverlag, 449 Seiten, 24 Euro.

Saarbrücker Zeitung 12 Juli 2005

[zum Buch]


++++++++++ EUROPAWEIT VERSANDKOSTENFREIE LIEFERUNG AN PRIVAT +++++ SCHNELLE BEARBEITUNG +++ BESTELLUNG ONLINE, PER FAX ODER POST ++++++++
 

© Röhrig Universitätsverlag GmbH
Alle enthaltenen Warenzeichen und Produktbezeichnungen sind Eigentum des jeweiligen Besitzers.