Als die Saarländer noch nicht reif waren für ein Hosenweib
Lohnende Regionalliteratur: Liesbet Dills "Virago"
Von SZ-Mitarbeiter Harald Loch
Liesbet Dill hat ihrem Buch "Virago" den Untertitel "Roman aus dem Saargebiet" gegeben.
Seine Erstausgabe erschien 1913 bei der Deutschen Verlagsanstalt. Jetzt ist er in der
"Sammlung Bücherturm" (Röhrig Verlag, St. Ingbert) neu aufgelegt worden.
Saarbrücken.
"Virago" spielt im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Friederike Konz,
die Tochter eines erfolgreichen Industriellen. Sie ist eine selbstbewusste junge Frau, die
Medizin studieren will. Statt ihr das zu ermöglichen, schickt ihr Vater sie in ein Mädchenpensionat.
Von dort reißt sie aus, kehrt nach Hause zurück und beginnt ein selbstbestimmtes Leben. Dazu meidet
sie den Kontakt zu Männern - es sei denn, sie arbeitet mit ihnen zusammen.
"Virago" bedeutet so viel wie "Mannweib". Die Gesellschaft vor 1900 hatte nur abwertende
Ausdrücke für eine Frau, die sich nicht um Küche, Kinder und Kleider, sondern um einen Beruf
scherte. Friederike begegnet übermächtigen Widerständen, an denen sie schließlich scheitert.
Liesbet Dill schildert Friederike zwar mit Empathie und weist den Lesern den Weg zu
Gleichberechtigung und Unabhängigkeit, zaubert aber keine Emanzipationsheldin herbei, die stark
und fehlerfrei ihren Weg geht. Die Autorin hatte ähnliche Voraussetzungen, passte sich aber
besser an, fand mit dem angesehenen Mediziner Karl Wilhelm von Drigalski in zweiter Ehe einen
verständnisvollen Partner und zog als junge Ehefrau nach Berlin. Hier war für sie das Leben
einer Schriftstellerin möglich, anders als ihrer Heldin Friederike, die im Neunkircher
Industriegebiet eine eigenverantwortliche Unternehmerin sein wollte. Eisen und Stahl waren
Männersache, hier flogen die Funken und rauchten die Schornsteine - die Zeit war nicht reif
für Friederike in einer Hosenrolle.
Liesbet Dill ist 1877 in Dudweiler geboren, sie hatte als Jugendliche die großen Streiks
um 1890 erlebt, und sie verarbeitet die sozialen Konflikte und auch die politischen Diskussionen
um die richtige Wirtschaftspolitik in diesem frühen Roman. "Virago" wird dadurch zu einem der
seltenen literarischen Dokumente der regionalen Industriegeschichte zwischen Gründerzeit und
Erstem Weltkrieg. Die Erfahrung der Grenze zu Frankreich, die Nähe des "Reichslandes"
Elsass-Lothringen, die gesellschaftliche Vorherrschaft zahlreicher Militärs sind mehr als nur
die Kulisse für die Emanzipations-Geschichte. Sie sind ein weiteres Feld für Kolportage wie
für Spannung. Noch die rußigste Straße kann Heimat sein, und Friederike hat einen verqueren
Hang zur Scholle: Sie stellt aus eigenen Mitteln ein großes Feld zur Verfügung und versucht,
arme Frauen zur Gartenarbeit zu bewegen.
Die Autorin verbindet moderne Vorstellungen von einer neuen Rolle der Frau mit einer später
weit ins Nationale hinüberspringenden Heimatliebe. Zu gegebener Zeit wird sie für Hitler und
die Rückkehr des Saargebietes zum Deutschen Reich schreiben ("Wir von der Saar", 1934).
Liesbet Dills soziales Engagement hat einen patriarchalischen Zug, später entwickelt sie
sich zur reinen Unterhaltungsschriftstellerin. Als sie 1962 in Wiesbaden stirbt, endet auch
ihre literarische Wirkung. Aber in ihrem frühen Roman "Virago" erzählt sie noch eine kraftvolle
Geschichte, hat Visionen, die sie vor einem sozialgeschichtlichen Hintergrund entwickelt, den
wir mit Interesse wiederentdecken. Wegen der vielen regionalen Details, wegen der
unentschiedenen Beziehung zwischen sozialem Fortschritt und Reaktion und wegen der entfernt
an Theodor Fontane erinnernden Frauengestalten war es richtig, "Virago" dem Vergessen zu
entreißen.
Liesbet Dill: Virago. Roman aus dem Saargebiet. Herausgegeben und mit Nachworten von Günter
Scholdt und Hermann Gätje. Röhrig Universitätsverlag, 449 Seiten, 24 Euro.
Saarbrücker Zeitung 12 Juli 2005
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