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Orangenblüten für Sodom
Was den Deutschen entging: Eine Rezeptionsstudie über de Sade
Nach Goethe konnte vorerst niemand mehr in Weimar die "Justine" aus der
Herzoglichen Bibliothek lesen. Nicht daß der Geheime Rat im September 1798 die
Leihfrist wieder einmal ewig überzogen hätte, um sich insgeheim an dem Buch zu
vergnügen. Nein, er gab das klandestine Erotikon wie kurz vor ihm schon das
Schwatzmaul Böttiger pünktlich nach vier Wochen zurück - ohne jeden Kommentar
in Brief oder Tagebuch. Danach wurde es aus dem Verkehr gezogen, ob auf Goethes
Weisung hin, ist unklar. Die Vorsicht war vielleicht übertrieben, denn das
berüchtigte Werk und dessen Verfasser blieben in Deutschland erstaunlich lange
unbekannt. Eine Teilübersetzung erschien nicht vor 1875, und die vollständige
deutsche Ausgabe wurde erst kürzlich abgeschlossen (F.A.Z. vom 18. Februar 2003).
Wie wenig man hierzulande an 18. und 19. Jahrhundert über den Marquis de Sade
wußte, zeigt jetzt die komparatistische Spurensuche von Julia Bohnengel. Sie
registriert nicht nur alle kleinsten Nachbeben, die seit 1768 von den heftigen
Erschütterungen im Nachbarland ausgehen, sondern destilliert aus den kärglichen
Rezeptionsströmen mit höchster philologischer Akribie ein inhaltliches Bild des
verrufenen Marquis. Dabei ist der vielleicht wichtigste Befund, daß es in
Deutschland längst nicht zu jener in Frankreich blühenden Legendenbildung um die
angeblichen Perversionen des lüsternen Adligen kam. Schon über den frühesten
Skandal von Arcueil, ausgerechnet am Ostersonntag 1768, wurde in Hamburg oder
Augsburg nur knapp und eher sachlich berichtet. In Frankreich verwandelte man
die unter Prostituierten schon damals nicht unübliche Flagellation und andere
Praktiken hingegen in abscheuliche Mythen. De Sade, der eigentlich nur das Pech
hatte, an die Falsche geraten zu sein, wurde von Anfang an als abartiger Wüstling
perhorresziert.
Östlich des Rheins sickerten diese und eine weitere Geschichte aus Marseilile
von 1772 höchstens als flüchtige Gerüchte durch. Gegen das positive Bild vom
provenzalischen Adelshaus de Sade, dem man bei uns bis ins 19. Jahrhundert
Petrarcas Madonna Laura zurechnete, kamen sie niemals an. Und als 1791 die
"Justine" erschien, konnte unter den wenigen Lesern kaum einer den Text mit dem
- schließlich anonymen - Verfasser in Verbindung bringen. Überhaupt verlief die
Rezeption weitgehend indirekt und im voröffentlichen Raum. Selbst der amourösen
Abenteuern zugeneigte Lichtenberg wußte davon nur vom Hörensagen: "Es soll gantz
über alle deutsche Imagination hinaus abscheulig seyn", berichtet er, sogar so
schlimm, daß im Vergleich zu diesem Schauplatz "Sodom und Gomorrha, statt Feuer
und Schwefel, Orange-Blüthen" verdient hätten. Nicht de Sade gerät in Deutschland
ins Visier der Kritik, sondern seine Romane werden in den Revolutionsjahren als
Beleg für die französische Liaison von Grausamkeit, Wollust und philosophischer
Radikalität vereinnahmt.
Selbst empörte Rezensionen der "Justine" als "ächtes Höllen-Produkt" verhalfen
dem Werk nicht zum Durchbruch. Befeuert von Louis-Sébastien Mercier und Rétif de
la Breton, diffamiert man es um 1800 lieber als Ausdruck der gräßlichen französischen
Terreur und schreibt das dem Nationalcharakter der Nachbarn zu. Erst im Anschluß an
die Märzrevolution findet eine Übertragung solcher Argumente auf die soziale und
politische Auseinandersetzung innerhalb Deutschlands statt. Ganz anders bedient
die um 1820 einsetzende Memoirenliteratur und Biographik das Publikumsbedürfnis
nach skandalösen Lebensgeschichten. Nicht einmal die zur Nüchternheit verpflichteten
Konversationslexika bleiben davon frei, sie steigern die Vita im Laufe der Auflagen
vom "Hochverrath an der Menschheit" bis zum Wahnsinn.
An Stelle einer Übersetzung der "Justine" oder dem - so der Brockhaus von 1826
- "noch gräuelhafteren Werk Juliette" konnte man in deutschen Buchhandlungen von
de Sade Anfang des 19. Jahrhunderts nur eine Handvoll Erzählungen über "Verbrechen
der Liebe" (1803) finden. Obgleich völlig harmlos, sind sie in Bibliotheken
weitgehend verschollen. Nur drei Stücke davon konnte Julia Bohnengel aufspüren und
jüngst publizieren (Röhrig Universitätsverlag, 2001). Nicht einmal mit der nur
spärlich vorhandenen und noch dazu recht biederen deutschen erotischen Literatur
können sie an Pikanterie mithalten. Vergleiche mit "Lina's aufrichtigen
Bekenntnissen" (1798), mit der E.T.A. Hoffmann zugeschriebenen "Schwester Monika"
(1816) oder mit den "Memoiren einer Sängerin" (1875), die auf den klandestinen
de Sade anspielen, zeigen das deutlich. Als Richard von Krafft-Ebing 1890 in
seiner "Psychopathia sexualis" den Begriff des Sadismus einführt, greift er
unmittelbar auf den Marquis zurück. Dem einzigen an obszöner Sprengkraft halbwegs
ebenbürtigen deutschsprachigen Autor Leopold von Sacher-Masoch verdankt er hingegen
das Pendant des Masochismus. Bohnengel geht auf diesen verwandten Provokateur nicht
ein, da er sich nicht ausdrücklich auf de Sade bezieht. Ihre mit vollständig
abgedruckten Zeugnissen versehene Studie macht aber verständlich, warum der Franzose
hier nie zu einer Breitenwirkung kam und sein Galizischer Widerpart recht vereinzelt
dastand: In Deutschland existierte einfach keine mit Frankreich vergleichbare
Traditiion aristokratisch libertiner Literatur. (Alexander Kosenina)
Frankfurter Allgemeine Zeitung 18. Juli 2003
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