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"Wiedereindeutschung"
Ein dunkles Kapitel der elsässischen Geschichte. Am 19. Juni 1940 wehte die
Hakenkreuzfahne vom Straßburger Münster. Zwei Jahre später wurde die Lehrerfamilie
Zimmermann wie viele andere Elsässer zur "Umerziehung und Wiedereindeutschung" ins
Lager Schelklingen in Württemberg deportiert. Der Vater war französischer
Reserveoffizier gewesen und sofort aus dem Schuldienst entlassen und von der
Gestapo überwacht worden, weil er sich den neuen Anordnungen nicht fügte.
Sein Antrag auf Ausreise nach Frankreich wurde abgelehnt. "Deutschblütige rassisch
wertvolle Elsässer" sollten dem Reich erhalten bleiben. Zusammen mit Balten,
Slowenen und Polen wurden die Elsässer in Sälen mit mehrstöckigen Betten
zusammengepfercht. Sie litten unter mangelnder Hygiene, Ungeziefer und
Hungerrationen bei schwerer Arbeit, Am schlimmsten aber waren Demütigungen,
Willkür und Gewalt der SS-Bewacher.
Marie-Louise Roth-Zimmermann war sechzehn Jahre alt, als sie und ihre Eltern
herausgerissen wurden aus allem, was ihnen vertraut war. Erst jetzt, nach der
Emeritierung als Germanistikprofessorin in Saarbrücken, veröffentlicht sie ihre
Erinnerungen an die Schrecken dieser Zeit. Briefe von Leidensgenossen und
Schriftsätze der SS ergänzen die Aufzeichnungen und dokumentieren ein in
Deutschland wenig bekanntes Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte. Robert Wagner,
Chef der Zivilverwaltung im Elsaß, war sich mit Heinrich Himmler einig:
"Eine Schlußbereinigung" sei durchzuführen, alles "Unbrauchbare und rassisch
Minderwertige" sollte aus dem Land verschwinden. "Kerndeutsch" sollte das Elsaß
künftig sein. Niemand durfte in der Öffentlichkeit Französisch sprechen.
Baskenmützen zu tragen war verboten, Ortsnamen wurden eingedeutscht, selbst an
Wasserhähnen mußten die Bezeichnungen chaud und froid abgekratzt werden. Die
Bevölkerung, die seit 1870 viermal die Nationalität wechseln mußte, fühlte sich
bedroht, rechtlos, von Frankreich total im Stich gelassen.
Im Lager Schelklingen weigerten sich die Gefangenen, die Sprache des Feindes
zu sprechen, die alemannische Mundart wurde zur Sprache des Widerstands. Als
endlich im April 1945 die Amerikaner in Schelklingen einzogen, organisierte
Vater Zimmermann - nun wieder in französischer Hauptmannsuniform - die Rückkehr
seiner Landsleute aus der Verbannung.
Maria Frisé in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, Juni 2001
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