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Rezension: Carl-Heinz Boettcher - Der Ursprung Europas (2)

Europa hat 6000 Jahre vor unserer Zeit angefangen.

Europa hat es viel früher gegeben, als allgemein angenommen wird und zwar lange vor den Hochkulturen im fernen Sumer zwischen Euphrat und Tigris oder im Ägypten der Pharaonen. Die Anfänge der Kultur auf unserem Kontinent reichen auch viel weiter zurück als bis zu den frühen Griechen, Kelten, Römern und Germanen, die in der Geschichte unseres Erdteils bereits vor mehr als 2000 Jahren ihre Rolle spielten Der auf vorgeschichtliche Fragen spezialisierte Volkswirt, Soziologe und Journalist Carl-Heinz Boettcher datiert den Ursprung Europas in eine Ära, die 6000 Jahre vor unserer Zeitrechnung liegt und gibt eine vollkommen neue Antwort auf die Frage nach der Herkunft der europäischen Zivilisation.

Nicht aus dem Nahost oder gar aus dem fernen indischen Subkontinent kam die Kultur, sondern sie entwickelte sich in Europa selbst, und zwar am Ende der Steinzeit, in der Steinkupferzeit. In seinem epochemachenden Buch "Der Ursprung Europas", das kürzlich im Röhrig Universitätsverlag erschienen ist und sicher eine grosse Verbreitung in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern finden wird, gibt er uns eine umstürzende und überzeugende Antwort auf die Frage nach unserer Herkunft. Trotz der enormen Belesenheit des Autors und der vielen wissenschaftlichen Hinweisen liest sich dieses Buch wie ein Roman, wie eine Story, mit Beschreibungen der ersten Schiffahrt, der Anfänge des Landwirtschaft und der Tiernutzung, der Behausung der Früheuropäer und des Lebens im Kreise der Familie bzw. des Clans oder der Beziehungen zwischen Mann und Frau.

An der Wiege des Westens standen Wikinger der Steinzeit - vor 6000 Jahren und nicht in der Antike, in der Mitte des Kontinents und nicht an seiner Peripherie. Es waren die Zeit und der Raum, in denen - so erstaunlich es klingen mag - erste typisch europäische Formen des Staates, des Machtausgleichs und der Gewaltenteilung entstanden und sich ebenso soziale Partnerschaft wie schöpferischer Individualismus entfalteten. So bildeten sich damals, wie sich abzuzeichnen beginnt, zwischen Seine und Dnjepr, zwischen Drontheimfjord und den Alpenseen ein archaischer Feudalismus und eine urtümliche Marktwirtschaft heraus. Aus der Sicht einer Geschichtsbetrachtung der langen Dauer, der histoire de long durée, begann somit das Mittelalter in Wahrheit schon in jener fernen Epoche.

Während in Europa eine dezentrale Hochkultur erwuchs, die - bei allen Vorbehalten - modern anmutende Züge trug, stand der zeitgleiche Orient im Zeichen des Despotismus. Dort, bei den Sumerern, existierte schon in jener Ära die älteste Zentralverwaltungswirtschaft, von der wir wissen. Alle Macht und alles Eigentum lag in einer Hand. Der Gottkönig war Selbstherrscher, alleiniger Gesetzgeber und oberster Richter zugleich. Im Okzident hingegen - das zeigen archäologische Funde ebenso wie die sprachwissenchaftlichen Zeugnisse - galt selbst der Mächtigste nur als primus inter pares. Dieser Gegensatz bestimmt noch die heutige Welt.

Die Erklärung dafür ist einfach. Das Klimaoptimum nach dem Ende der Eiszeit führte im Nahen Osten zu Austrocknung, Landknappheit und dem Zwang, die Ernährungsbasis durch wasserwirtschaftliche Großbauten zu sichern. Das verlangte Unterordnung des Einzelnen unter eine omnipotente Führung, die regelnd und bevormundend in sein Leben eingriff. Nördlich der Alpen hingegen ermöglichten Regenreichtum und natürliche Fruchtbarkeit des Bodens weitgehende persönliche Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichheit sogar der Bauernschaft. Der Boden war nicht knapp, urbar zu machendes Neuland, in das man bei zu starkem Druck ausweichen konnte, verfügbar. Die Macht der Herren erwies sich als nahezu von selbst begrenzt.

Herren gab es jedoch auch hier. Denn nach dem Ende der Eiszeit und dem Zurückweichen der Gletscher hatten kriegerische Jäger und Fischer der Ertebölle-Kultur an Ost- und Nordsee die Hochseefahrt erlernt. Als Rudermannschaften gefolgschaftlich organisiert, nutzten sie - wie Boettcher darlegt - ihre schnittigen Boote zu Fernfahrten entlang den Küsten und auf den Strömen, tief ins Binnenland hinein. Dort trafen sie in der späten Jungsteinzeit, als bereits Kupfer und Gold Verwendung fanden, auf die sesshaften Bauern der sogenannten Bandkeramik und deren Tochterkulturen, die nicht nur Getreide anbauten und Vieh züchteten, sondern auch Pflugwirtschaft betrieben. Das aber bedeutete, dass erstmals in der menschlichen Geschichte Produktionsüberschüsse erzielt wurden und Vorräte von Gewicht gebildet werden konnten. Das wiederum musste die Bootsfahrer aus dem Norden anlocken. Wurden die Bauern zunächst offenbar nur in regelmäßigen Beutezügen ausgeplündert, entstand bald schon etablierte Herrschaft, die sich mit berechenbaren Abgaben begnügte und im eigenen Interesse auch den Unterworfenen ausreichenden Spielraum zur eigenen Lebensgestaltung und zur materiellen Absicherung ließ. Zusätzlich gewährte die einander selbst in einem Machtgleichgewicht haltende Herrenschicht den nunmehr Hörigen Sicherheit vor Dritten und allgemeinen Frieden.

Die äußere Form bot die von den Archäologen so genannte Trichterbecherkultur, die etwa von 4300 bis 2800 v.Chr. bestand. Sie kannte imposante Großsteingräber, Bergwerke, Tempel und Burgen, außerdem relativ bevölkerungsreiche befestigte Siedlungen, denen man fast ohne Zögern den Charakter früher Markt- und Ackerbürgerstädte zubilligen möchte. An den Höfen der Herrschenden aber, die durch verwandtschaftliche Bande eng miteinander verbunden waren, entwickelte sich, wie die Namenforschung nahelegt, eine einheitliche Hochsprache von großem kulturellem Rang: das erste Indogermanische, die Grundsprache der heutigen weltweit verbreiteten gleichnamigen Sprachfamilie. So wurde - das macht der Autor deutlich - in der Mitte Europas schon vor sechs Jahrtausenden der Keim zur Gegenwart gelegt, zur modernen Industriegesellschaft und zu der mit ihr verknüpften freiheitlichen Demokratie.

An der Schwelle des 2. Jahrtausends, wo die gemeinsame Währung und die Schaffung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union aktuell werden, wo die Erweiterung auf Mittel- und Osteuropa die EU mit dem Kontinent identisch macht, kommt das Buch von Boettcher wie gerufen. Es war höchste Zeit nachzuweisen, dass die europäische Identität sehr viel älter als diejenige des Morgenlandes, als Ägypten, China und Mexiko ist und das wir nicht die Erben, sondern die Gründer sind. Es ist gut für unser gemeinsames europäisches Bewusstsein, dass wir jetzt den Beweis dafür haben. Denn Europa war damals schon eine Kultur und hatte eine gemeinsame sprachliche Grundlage.

Jean-Paul Picaper, in Radio 100.6 Berlin, 24.01.2000

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