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Rezension: Carl-Heinz Boettcher - Der Ursprung Europas

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Der auf vorgeschichtliche Fragen spezialisierte Volkswirt und Soziologe Carl-Heinz Boettcher aus Kürten datiert den Ursprung Europas in eine Ära, die 6000 Jahre vor der unseren liegt. Damals entwickelte sich die Jüngere Steinzeit, in der Ackerbau, Viehzucht und Töpferei entstanden waren, zur Steinkupferzeit weiter, in der die Verwendung des Pfluges und die Bildung von Viehherden erstmals zur Überschussproduktion und Vorratswirtschaft führten sowie Schmuckstücke, Werkzeuge und Waffen aus Metall geschaffen wurden.

Unter den bekannten archäologischen Kulturen jener Epoche schreibt Boettcher in seinem neuen Buch einigen Wirkungen von besonders großer Tragweite zu. Dabei entstand nach seiner Deutung aus einer Verschmelzung der im Binnenland heimischen Bandkeramischen Kultur und der in Meeresnähe ansässigen Erlebölle-Kultur der Grundstein für das "erste Reich der Frühzeit". Als Ergebnis dieses Zusammentreffens, so seine These, kam es zur Entstehung der indogermanischen Sprache.

Die nach einem dänischen Fundort benannten Ertebölle-Leute befuhren zum Fischfang mit seetüchtigen Booten das Meer. Verletzungen durch Hiebwaffen an Skelettresten verraten kriegerische Auseinandersetzungen. Jene Hochseefahrer und Krieger zwangen, in Gefolgschaften organisiert, die Bauern zu Abgaben und errichteten ein archaisches Feudalsystem.

Damit geht Boettcher für Nordeuropa von ähnlichen Verhältnissen aus wie bei den hochentwickelten Küstenindianern Nordwestamerikas vor Ankunft der Weißen, die regelmäßig Raubkriege z. B. um Fischfanggründe führten und Gefangene versklavten. In ihrer stark gegliederten Gesellschaft gab es neben Sklaven und einfachen Freien niedere und hohe Adelige sowie königsgleiche Häuptlinge.

Durch kriegerische Ertebölle-Leute dieser Art, die in das Gebiet einfacher Bauern einfielen, ist - postuliert der Autor - die nach einem typischen Tongefäß bezeichnete Trichterbecherkultur entstanden. Geographisch nahm sie einen Raum ein, der offenbar - wie die Flussnamenforschung nahelegt - mit der viel diskutierten "Urheimat" der lndogermanen gleichzusetzen ist.

Die Steinkupferzeit stand im Zeichen einer umwälzenden Revolution, der dritten in der Menschheitsgeschichte. In der ersten Revolution. während der Älteren Steinzeit, hatte der Übergang vom einfachen Jäger- und Sammlerdasein zum höheren Jägertum mit organisierter Großwildjagd und entsprechend verbesserter Ernährungsgrundlage stattgefunden.

Die zweite Revolution zu Beginn der Jüngeren Steinzeit brachte die Einführung der Landwirtschaft mit sich. Die steinkupferzeitliche dritte Revolution wiederum führte durch regelmäßige Abschöpfung der bäuerlichen Produktionsüberschüsse zu einer sozial differenzierten Gesellschaft in Europa in Form eines urtümlichen Feudalismus mit ersten Spuren des Machtausgleichs und der Gewaltenteilung.

In unserem regenreichen Erdteil konnten - laut Boettcher - die Bauern sich einem Übermaß an Repressionen jederzeit durch Abwanderung und Kolonisation von Neuland entziehen. Im Gegensatz, dazu gab es damals im Orient bereits frühe Repräsentanten der totalen Macht wie die Sumerer, die dank der zentral gelenkten Wasserwirtschaft das Land beherrschten. Gesetzgebung, Rechtsprechung und Polizei lagen in einer Hand. Diese überwältigende Konzentration verlieh den Herrschenden im Zweistromland ihre despotische Macht. Sie konnten die gesamte Bevölkerung zur Fronarbeit zwingen und gegen Einzelpersonen mit Willkür vorgehen.

Von den Sumerern aus verbreitete sich dieses Herrschaftssystem in weiten Teilen Asiens und Afrikas. Dagegen entfalteten sich in Europa in jener Zeit in wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Hinsicht ähnliche Verhältnisse wie im frühen Mittelalter.

Im Gebiet der Trichterbecherkultur existierten wehrhafte Befestigungsanlagen mit tiefen Gräben, Wällen und Palisaden sowie monumentale Großsteingräber, die wohl den herrschenden Sippen als Ahnenhäuser für die Ewigkeit dienten. Unter den damaligen Menschen gab es Erzsucher, Bergleute, Handwerker, Händler, Bauern, Krieger und Priester. Neue Errungenschaften waren Kupfer und Gold, Rad und Wagen. Durch Fernhandel wurden über Hunderte von Kilometern hinweg Luxusgüter und im Nahhandel über mittlere Distanzen Massengüter beschafft. Die Macht, der Herrschenden aber war begrenzt.

Carl-Heinz Boettcher vermittelt die aufsehenerregende Erkenntnis: Am Ursprung Europas, an der Wiege des Westens standen Wikinger der Steinzeit!

Salzburger Nachrichten, 09.10.1999

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